bullet1 Leiningers Theorie

Leiningers Theorie der transkulturellen Pflege:
Stärken und Schwächen

Vortrag von

Hamindokht Klein


Madeleine M. Leininger beschäftigt sich seit Mitte 50er Jahre mit dem  Problemen und Aufgaben einer professionellen modernen Pflege. Seit mehreren Jahrzehnten liefert sie wichtige Beiträge für die Pflegewissenschaft. Kontinuierlich entwickelt sie ihre „Theorie der kulturspezifischen Fürsorgediversität und –universalität“  weiter. Im Folgenden werde ich einige wichtige Aspekte ihres Theoriegebäudes vor stellen:

 Im Mittelpunkt steht der Begriff der „Fürsorge“ (Care). Fürsorge wird nach Leininger definiert, als die aufmerksame, mitfühlende und emphatische Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der Patienten. Sie betont, dass Care das "Herz und die Seele" der professionellen Pflege ist. Nach ihrer Meinung sind Care und die Kultur untereinander verbunden und können nicht von einander getrennt betrachtet werden. Denn jede Kultur besitzt bestimmte Formen, Strukturen, Ausdrucksweisen und Muster der Fürsorge, mit deren Hilfe Pflegende das Wohlbefinden, die Gesundheit oder das Kranksein eines Menschen erkennen, erklären und Prognosen machen.

Diese Überlegungen gehen auf Erfahrungen Leiningers als Krankenschwester in der Kinderpsychiatrie seit Mitte der 40er-Jahren zurück. So konnte sie beobachten, dass Kinder mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund auch unterschiedliche Erwartungen an das Pflegepersonal richteten. Sie kam zu der Einsicht, dass man sich Kenntnisse über die Laien- und professionellen Pflegearten anderer Kulturen aneignen sollte. Wichtige Anregungen für die Entwicklung ihrer Pflegetheorie gewann Leininger vor allem aus den Disziplinen der Sozialwissenschaft, insbesondere aber der Anthropologie. Im Mittelpunkt ihrer Forschungsaktivitäten standen zunächst die Pflegepraktiken von 54 verschiedenen Kulturen. Dabei konnte sie immer wieder feststellen, dass in anderen Kulturen sowohl volkstümliche Pflegeriten als auch berufsmäßige Pflege nebeneinander existieren.

Leininger fasst ihre Überlegungen zur Theorie der kulturspezifischen Fürsorge im so genannten "Sunrise-Modell" zusammen: (Leininger 1998, s. 69)

Ausgangspunkt ist die Vorstellung, dass das jeweilige Welt- und Wirklichkeitsverständnis der Patienten und Klienten bzw. die kulturellen (religiösen, verwandschaftlichen, politischen etc.) Dimensionen, die jeweiligen Ausdrucksweisen von Fürsorge und Gesundheit beeinflussen.

Besondere Bedeutung misst Leininger den volkstümlichen Praktiken zu. Sie müssen in die professionelle Pflege eingebunden werden. Im Konsens traditioneller und moderner Pflegepraxis sieht sie das Ziel einer "positiven", d.h. "kulturkongruenten professionellen Pflege" (cultural congruent nursing) (Leininger 1998, s. 75). Mit anderen Worten, professionelle Pflege muss sowohl formelles als auch informelles Pflegewissen einbeziehen können. Des weiteren macht Leininger deutlich, dass die Anforderungen an eine solche Pflegepraxis den professionell pflegerisch Handelnden typischerweise vor schwierige Entscheidungsprobleme führt. Für die Entscheidungsfindung stehen drei "theoretische Modalitäten" (ebd.) zur Verfügung:

„Bewahrungs- oder Erhaltungsfunktion kulturspezifischer Fürsorge“(cultural care perservation or maintence) Gemeint sind Handlungen und Entscheidungen, die Menschen einer bestimmten Kultur helfen, sich gesund zu erhalten oder mit Behinderungen und oder dem Tod umzugehen.

„Anpassungs- oder Verständigungsfunktion kulturspezifischer Fürsorge“(cultural care accomodation or negotiation) Darunter versteht man Handlungen und Entscheidungen, die Menschen einer bestimmten Kultur helfen, sich anderen anzupassen oder mit ihnen zu verhandeln, um zu einem positiven Ergebnisse in Bezug auf ihre Gesundheit zu gelangen.

„Änderungs- oder Umstrukturierungsfunktion kulturspezifischer Fürsorge“ (cultural care repatterning or restructuring) Gemeint sind Handlungen und Entscheidungen, die Menschen bei Veränderungen ihrer Gewohnheiten unter Berücksichtigung ihrer kulturellen Werte helfen.

 Anders als die meisten anderen Theorieansätze in der Pflegewissenschaft, beginnt Leininger nicht mit der Definition der so genannten Metaparadigmen. Dieses hat ihr den Vorwurf eingebracht, keine Theorie, sondern allenfalls ein Modell entwickelt zu haben. Tatsächlich könnte man mit Jaqueline Fawcett behaupten, Leiningers Theorie der kulturspezifischen Fürsorgediversität und -universalität ist eine Theorie mittlerer Reichweite. Zwar verwendet und definiert auch Leininger Konzepte wie "Mensch", "Umwelt" , "Gesundheit" und "Pflege", allerdings richtet sich das originäre Theorieinteresse weniger auf die begrifflichen Grundlagen der Pflegewissenschaft, sondern - ausgehend von empirischen Beobachtungen - auf konkrete Probleme der Pflegepraxis.

Was bedeutet dieses für die Stärken und Schwächen in Lehre und Pflegepraxis?

Hinsichtlich der Verwendung der Theorie in der Ausbildung muss zunächst festgehalten werden, dass Leininger als Schöpferin einer Transkulturellen Pflege gelten kann. Ohne Zweifel ist sie die wichtigste Pionierin auf diesem Gebiet und hat die Voraussetzungen für ein größeres Verständnis anderer Kulturen in der Pflege geschaffen. Damit verweist sie (mehr oder weniger indirekt) auf bestehende Lücken in den derzeit im Gebrauch befindlichen Curricula. Ihre Stärke besteht insofern darin, neue Impulse für die Verbesserung von Lehr- und Lerninhalten zu geben. Die Stärken der Theorie für die Praxis der Krankenpflege sind vor allem in ihrer deutlichen Problemorientierung zu sehen. Die Konzentration vor allem auf die kulturellen Belange von Pflege ist nicht nur von regionaler (bzw. spezifisch amerikanischer) Bedeutung, sondern entspricht einer globalen Entwicklung, die mit Konzepten wie "multikulturell" oder "Globalisierung" auf den Begriff gebracht wird.

Die Schwächen hingegen liegen vor allem in der unsystematischen und widersprüchlichen Darstellung der Theorie (vgl. Zielke-Nadkarni 1997). Dieses gilt sowohl für die inkonsistente Verwendung wichtiger Begriffe, wie auch für eine mangelnde Integration empirischer und theoretischer Beobachtungen.

Die Schwächen dieses Ansatzes besteht darin, dass seine Ergebnisse oberflächlich und checklistenartig benutzt werden können. Patienten wären dann nicht mehr als Individuen relevant, sondern nur noch als "Vertreter" einer objekthaften Vorstellung von "ihrer Kultur"; an die Stelle der kulturellen Ignoranz würde so das kulturelle Klischee treten.

Ich möchte meine Einwände auf drei wichtige Hinweise konzentrieren:

Der erste Einwand betrifft den Umgang mit Vorurteilen. Genauer gesagt geht es um die in dem Konzept von Transkultureller Pflege verankerten Vorstellung, ein tieferes Wissen von der Kultur des Anderen würde - quasi automatisch - zu einer Auflösung von Vorurteilen führen. Ergebnisse der Vorurteilsforschung zeigen aber, dass ein solcher Optimismus nicht angebracht ist. Auch Wissen schützt nicht vor Vorurteilen, vielmehr eröffnet sich mit zunehmendem Wissen, zugleich neue Chancen, weitere Vorurteile zu entwickeln. Offensichtlich ist Frage nach dem Ablegen von Vorurteilen verwickelter, als gemeinhin angenommen.

Mein zweiter Einwand betrifft das statische Kulturverständnis. Leininger geht nämlich noch davon aus, dass man sich Kulturen wie unveränderliche Einheiten vorzustellen hätte. Kulturen, so könnte man sagen, sind nach diesem Verständnis wie feststehende Gebäude gebaut, deren Räume man betreten muss, um sie zu verstehen. Tatsächlich sind Kulturen aber immer dynamische Gebilde. Sie sind nicht konstant, sondern verändern sich. Insbesondere gilt dieses für Migranten, denn sie sind in ihrem Migrationsprozess mit mindestens zwei Kulturen konfrontiert. Dadurch entstehen ständig völlig neue kulturelle Verbindungen.

Mein dritter Einwand betrifft den Nutzen der Theorie für die Pflegepraxis. Nach meinem Eindruck stellt der Ansatz Leiningers eine erhebliche Überforderung der Pflegenden dar. Die Vorstellung, man müsse sich ständig über die kulturellen Gepflogenheiten der Patienten auf dem Laufenden halten, ist naiv. Ich möchte das anhand eines kleinen Beispiels belegen: In einer Studie von 1995 stellte Frau Ingrid Kollak (ASF Berlin) fest, dass allein in einem einzigen Berliner Krankenhaus 90 Nationalitäten vertreten waren. Konzentriert man sich auf die mit 65% größte Gruppe, die türkischen Patienten bezeichnet, dann bleibt noch immer die Frage, über welche türkische Kultur ich mich informieren möchte. Bezüglich welcher religiösen Glaubensrichtung soll ich mich sachkundig machen? Alaviten, Schiieten oder Soniten? Allein der Islam ist in fünf Hauptrichtungen und zwanzig Nebenrichtungen eingeteilt.

Welche Schlussfolgerungen können wir nun aus diesen Einwänden ziehen? Ist das Konzept der Transkulturellen Pflege untauglich, um die Probleme von Migranten in deutschen Krankenhäusern zu lösen? Ich meine: Nein! An einer kulturellen Orientierung der Pflegepraxis führt in Zukunft kein Weg vorbei!

Ich  möchte Ihnen drei Thesen anbieten, die meine Position verdeutlichen können:

Erste These: Kulturelle Orientierung ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für eine adäquate Orientierung an der Individualität des Patienten!

Es kann also nicht darum gehen, Menschen in einem mehr oder weniger starren Raster einzelner Kulturen einteilen zu wollen. Ein solches Vorgehen hätte wiederum Ausgrenzung und Diskriminierung zur Folge. Vielmehr schwebt mir vor, das kulturelle Wissen als eine Art Schlüssel zur Persönlichkeit der einzelnen Patienten zu verwenden.

Zweite These: Ein sicherer Umgang mit der fremden Kultur erfordert Sicherheit im Umgang mit der eigenen Kultur!

Das sich Einlassen auf fremde Kulturen ist immer riskant. Missverständnisse sind zumeist vorprogrammiert, diskriminierende Vorurteile wahrscheinlich. Nach meiner Erfahrung führt der einzige Weg aus diesem Problem über die eigene Kultur. Erst wenn ich mir meiner eigenen kulturellen Prägung bewusst bin, bin ich auch in der Lage, andere Kulturen zu verstehen. Dafür ist es unbedingt notwendig, sich mit der eigenen Vorurteile auseinanderzusetzen.

Dritte These: Transkulturelle Pflege braucht Transkulturelle Kompetenz!

Die entscheidende Schwachstelle vieler Konzeptionen einer "Transkulturellen Pflege" besteht darin, dass zwar beschrieben wird, was man sich für eine verbesserte Pflegepraxis wünscht, nicht aber wie man es erreicht. Es ist aber genau diese Frage nach dem "Wie", die für das Gelingen entscheidend ist. Gefragt sind also Methoden, mit deren Hilfe sich eine professionelle, an den Belangen der Migranten orientierten Pflege umsetzen lässt. Um diesen Aspekt zu betonen, spreche ich von "Transkultureller Kompetenz". Tatsächlich gibt es aber in diesem Bereich nur wenig konkrete Erfahrungen auf die man zurückgreifen könnte.

Quellen:

Leininger,M. 1998: Kulturelle Dimensionen menschlicher Pflege. Lambertus. Freiburg imBreisgau

Uzarewicz,C (Hrsg.) 1997: Transkulturelle Pflege. Verlag für Wissenschaft und Bildung. Berlin



Bitte senden Sie Ihre Kommentare an Hamindokht Klein. Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisert am 28.06.2001.